Pierre PFLIMLIN

 
 
 
Pflimlin PE
 
Pierre Pflimlin in Straßburg zum Präsidenten des Europäischen Parlament gewählt
Crédit photo Europäisches Parlament
 
 
 
 
 

5. Februar 1907 : Geburt in Roubaix
1914 : Schüler im deutschen Gymnasium in Mulhouse
17. November 1918 : die französischen Truppen marschieren in Mulhouse ein
1929 : Dokotarbeit in den Rechtswissenschaften über die Industrie in Mulhouse
1933 : Einschreibung in eine Anwaltskammer von Straßburg
1938 : Kennenlernen Robert Schumans
1940 : Mobilisation am Aisne dann in den Ardennen
1940 : Gefangener
1940 : Befreiung nach 6 Monaten Haft in Deutschland
1941 : Eintritt in die Befreite Zone
1941-1945 : Untersuchungsrichter in Thonon (Haute-Savoie)
15. August 1945 : Rückkehr nach Straßburg
1945 : Beitritt zum Mouvement Républicain Populaire („Volksrepbulikaner“)
30. September 1945 : Wahl in den Stadtrat von Straßburg
1945 und 1946 : Mitglied der beiden verfassungsgebenden Nationalversammlungen
1946-1971 : Abgeordneter des Bas-Rhin
1946 : Unterstaatssekretär beim Gesundheits- und Bevölkerungsminister
1946 : Unterstaatssekretär beim Wirtschaftsminister
1947 – 1951 : Landwirtschaftsminister der Regierung Robert Schuman
1947 : Treffen mit Jean Monnet
1950 : Vorschlag der Schaffung einer europäischen Organisation der Landwirtschaftsmärkte « Grüner Pool »
1951 : Minister des Handels und der Außenbeziehungen
1951-1976 : Präsident des Conseil général du Bas-Rhin
1952 : Minister der französischen Überseegebiete
1955 : Finanzminister
1957-1958 : Minister der Finanzen, wirschaftlicher und planerischer Angelegenheiten
13.-28. Mai 1958 : Präsident des Rates (Regierungschef) der IV. Republik
Juni 1958 : Staatsminister in der Regierung Charles de Gaulle
1958 : Nimmt an der Ausarbeitung der Verfassung der V. Republik teil und ist Urheber des berühmten Artikels 49 III
1959-1967 : Vertreter Frankreichs in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und des Europäischen Parlaments
1959-1983 : Bürgermeister von Straßburg (Koalition des MRP mit den Gaullisten)
1962 : Staatsminister mit der Zusammenarbeit betraut
1962 : Rücktritt aus der Regierung, Meinungsverschiedenheit mit de Gaulle über die europäische Politik
1963-1966 : Vorsitzender der Parlamentarischen Versammlung des Europarates
1973-1983 : Mitglied im Conseil régional d’Alsace
1979-1989 : Europaabgeordneter
1984-1987 : Präsident des Europäischen Parlaments
1991 : veröffentlicht seine Biografie « Erinnerungen eines Europäers »
1997 : Rede « Europa im Werden »

 
 
 
 
 

Pierre PflimlinNach dem Waffenstillstand 1945 unterbricht Pierre Pflimlin seine Staatsanwaltskarriere in Metz um nach Straßburg zurückzukehren und es ist Zufall, dass er sich im Getriebe des politischen Lebens wieder findet. Bei der Befreiung wird die Lokalpolitik mit der Schaffung der „Parti Républicain Populaire“ neu angestoßen. Die Partei entschließt sich sich an das Mouvement Républicain Populaire (MRP), dessen Präsident Georges Bidault ist, anzugliedern. Bei den Gemeindewahlen vom September 1945 wird Pierre Pflimlin in den Stadtrat von Straßburg gewählt.

Bereits im nachfolgenden Monat finden die Wahlen zur ersten verfassungsgebenden Nationalversammlung statt. Die MRP wählt als Neuling den gerade erst Eingetretenen und völlig unbekannten Pierre Pflimlin und setzt ihn an vierter Stelle auf ihre Liste. Die Liste der MRP erhält fünf Sitze und zwei Monate nach seiner Rückkehr nach Straßburg ist er Abgeordneter der verfassungsgebenden Nationalversammlung. Pierre Pflimlin lernt in der Versammlung und der MRP Robert Schuman (zukünftiger Gründervater Europas) kennen. Mit seinen Ratschlägen macht der elsässische Abgeordnete seine ersten Schritte im Parlament.

Schon 1946 wird Pierre Pflimlin zum Unterstaatssekretär des Gesundheits- und Bevölkerungsministers. Er ist in Folge dessen Teil vieler Regierungen der IV. Repbulik. Robert Schuman ernennt ihn 1947 zum Landwirtschaftsminister und er hat die schwierige Aufgabe die Landwirtschaft zu modernisieren und der Nahrungsmittelknappheit der Nachkriegszeit ein Ende zu bereiten. Trotz der Instabilität der Regierungen, fünf Regierungen folgen nacheinander, verbringt Pierre Pflimlin drei Jahre an der Spitze dieses Ministeriums. Als Handelsminister von 1951 bis 1952, als Minister der französischen Überseegebiete von 1952 bis 1953, und er ist auch Finanzminister und Minister der wirtschaftlichen Belange, von 1955 bis 1956 und von 1957 bis 1958, bevor er am 13. Mai 1958 unter besonders dramatischen Umständen Präsident des Rates wird. Indem er die Präsidentschaft des Rates erhält weiß er, dass es, um die Probleme in Algerien zu lösen, wichtig sei eine Reform des Staates und der Verfassung zu erwirken. Aber der neue Präsident des Ministerrates hat den Ruf in der algerischen Frage eine „liberale“ Auffassung zu haben. Pierre Pflimlin kann dem unsicheren Klima in Algerien nicht mehr entgegenhalten und verhandelt eine ganz legale Übergabe der Macht an den General de Gaulle. Er tritt am 28. Mai zurück.
Pierre Pflimlin akzeptiert als Präsident der MRP weiterhin Teil der letzten Regierung der IV. Republik zu sein, die von General de Gaulle. Um die neue Verfassung auszuarbeiten schafft der General de Gaulle ein interministerielles Komitee, an dem Pierre Pflimlin teilnimmt. Die von Pflimlin vorgeschlagenen Bestimmungen, der Artikel 49 III, der es dem Premierminister erlaubt einen Text indem er die Vertrauensfrage stellt ohne Wahl durchzubringen, ist sicherlich der bekannteste.
1962 ist Pierre Pflimlin außerdem Teil der Regierung Georges Pompidous und möchte so von innen her der Position des Generals gegenüber Europas eine andere Richtung geben. Ungefähr einen Monat nach seiner Ernennung veranlasst ihn eine Pressekonferenz während welcher der General de Gaulle die Partisanen des europäischen Aufbaus verspottet dazu mit drei weiteren Ministern der MRP aus der Regierung zurückzutreten.

Pierre Pflimlin widmet sich anschließend in den verbleibenden Jahren seines Lebens den anderen ihm liebgewonnenen Arbeitsfeldern : seiner Stadt Straßburg und dem europäischen Aufbau.

 
 
 
 
 

Pierre PflimlinEuropa war die große Überzeugung Pierre Pflimlins. Da er sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, war er davon überzeugt, dass das Schaffen eines politischen Europas das beste Mittel zur Herstellung eines dauerhaften Friedens zwischen den zwei Erbfeinden Deutschland und Frankreich sei. Mit Robert Schuman war er einer der großen Initiatoren der deutsch-französischen Versöhnung. Von der historischen Rede Robert Schumans, welche die Schaffung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl nach sich zog, sehr beeindruckt, versuchte er seinen eigenen Beitrag zum Bau des europäischen Gebäudes zu leisten indem er im Juni 1950 die Schaffung einer „europäischen Organisation der wichtigsten landwirtschaftlichen Märkte“ vorschlug (bekannter unter dem Namen „Grüner Pool“). Für Pierre Pflimlin, damals Landwirtschaftsminister, hatte dieses sektorielle Integrationsprojekt zwei Funktionen: auf der einen Seite die Konstruktion eines europäischen landwirtschaflichen Raumes, der dem Weltwettbewerb standhielt und der Antwort auf die Probleme sein konnte, die durch die Versorgung Europas und die Entwicklung seiner Landwirtschaft entstanden. Auf der anderen Seite sollte dieses Projekt ebenso den eigenen Interessen Frankreichs dienen indem es bestimmten Produkten, die überproduziert wurden, neue Absatzmärkte garantierte, darunter Weizen, Butter oder Wein. Aber der Widerstand gegenüber diesem Projekt war enorm und die französische Regierung konzentrierte sich daraufhin auf die europäische Zusammenarbeit, die im Bereich von Kohle und Stahl angestoßen worden war. Im Juli 1954 wurde das Projekt einer europäischen Organisation im Bereich der Landwirtschaft von Pierre Pflimin nach mehreren Wiederanlaufversuchen schließlich fallen gelassen. Die Hauptideen dieses „Grünen Pools“ wurden allerdings einige Jahre später im Rahmen der Schaffung der PAC, der gemeinsamen Agrarpolitik, wieder aufgenommen.

Pierre Pflimlin arbeitete auch nach seiner Zeit in der französischen Regierung weiterhin für die Schaffung eines „Großen Europa“. Von 1959 bis 1967 repräsentierte er Frankreich in der beratenden Versammlung des Europarates. Von 1963 bis 1966 war er sogar selbst Präsident der Versammlung. Von 1962 bis 1967 war er gleichzeitig Repräsentant Frankreichs beim Europäischen Parlament. 1979 kehrte er anlässlich der ersten europäischen Direktwahlen als Europaabgeordneter der Europäischen Volkspartei ins Europäische Parlament zurück. Zuerst Vizepräsident des Europäischen Parlaments von 1979 bis 1984, war er schließlich von 1984 bis 1987 selbst Präsident des Europäischen Parlaments, in einer Periode, die von einigen für den Fortbestand des Europäischen Aufbaus symbolischen Ereignisse gekennzeichnet war: die Unterzeichnung der Einheitlichen Europäischen Akte (EEA), der Beitritt Spaniens und Portugals, sowie die offizielle Anerkennung der europäischen Fahne und Hymne.

Während seiner zwei ein halbjährigen Mandatszeit an der Spitze des Europäischen Parlaments hat Pierre Pflimlin in bedeutender Weise zum Ansteigen der Macht der Versammlung durch Entscheidungen der Kommission beigetragen. Er hat vor allem bewirkt, dass das Parlament durch die Einführung des „Verfahrens der Zusammenarbeit“, das durch die EEA eingeführt wurde, sehr eng mit der Perspektive eines „Großen Marktes“ verbunden ist. Diese Verfahren verleiht dem Parlament eine größere Möglichkeit den europäischen Gesetzgebungsprozess durch eine „Zweite Lesung“ der von der Kommission vorgeschlagenen Texte zu beeinflussen. Dieses Verfahren dient in gewisser Weise als Übergang zwischen dem einfachen Beratungsverfahren, was am Anfang des europäischen Aufbaus die Bestimmung des Parlamentes war und seine Rolle auf die einer Beratungsversammlung beschränkte, und dem Verfahren der Mit-Entscheidung (Entscheidungsverfahren, das vom Vertrag von Maastricht eingeführt wurde), welches das Europäische Parlament in Entscheidungsfragen heute mit dem Rat der EU auf eine Stufe stellt. Pierre Pflimlin konnte auch dazu beitragen, die Wichtigkeit des Europäischen Parlaments im Annehmen des gemeinsamen Budgets zu stärken. Indem er 1985 ablehnte das Budgetprojekt, das ihm zufolge ungenügend war die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu decken, ablehnte, zeigte er, dass es unmöglich für die Europäische Gemeinschaft war ohne die Unterschrift des Präsidenten des Europäischen Parlaments ein Budget aufzustellen.
Pierre Pflimlin blieb bis Juni 1989 Mitglied des Europäischen Parlaments. Er verließ die Parlamentarische Versammlung im Juli 1989 und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

 
 
 
 
 
-„Als geborener Mulhouser und Straßburger nach Wahl fällt es mir nicht schwer mich als französischer Elsässer anzusehen, der für Europa kämpft“, Erinnerungen eines Europäers. Paris, Fayard, 1991.

-„Ich bin Europäer, denn ich bin Elsässer“.

-„Ich war seit meiner Jugend überzeugt, dass es galt der weltlichen Feindseligkeit zwischen Frankreich und Deutschland ein Ende zu bereiten und, dass das Elsass vielleicht berufen war als vereinender Teil zu wirken. Der Krieg, ich habe es miterlebt, war zerstörerisch, und man konnte glauben, dass er noch lange Zeit Ressentiments und Groll hinterlasse, so dass es sich wie ein Wunder anfühlte als sich nur drei Jahre nach Kriegsende, 1948, Verantwortliche aus unterschiedlichen Ländern in DenHaag einfanden um zu sagen : wir schaffen eine Europäische Union“. Audioarchive des Europarates vom 5. März 1998

-« Ich hoffe es wird genügend entschlossene Männer und Frauen geben, um die große Aufgabe des Aufbaus Europas im 21. Jahrhundert auf sich zu nehmen. Ein Europa des Wohlstands, ja, ein Europa der Macht für den Frieden, ein Europa, dass auch und vor allem entschieden ist gegenüber der Welt die Vorrangstellung der geistigen Werte zu bekräftigen.“ Europarat, 90. Geburtstag Pierre Pflimlins
-„Ich glaube, dass wir eine Möglichkeit suchen müssen, die Notwendigkeit der Erweiterung der Gemeinschaft – keiner unter uns hat das Recht sich aus dem Prozess der Vereinigung einiger Länder des freien Europas herauszuhalten - mit der nicht minder zwingenden Notwendigkeit, der Gemeinschaft Zusammenhalt und Dynamik zu geben, verbinden müssen.“ Beratende Versammlung des Europarates, 24. September 1962 in Straßburg
 
 
 
 
 

- L’Europe communautaire, in Zusammenarbeit mit Raymond Legrand-Lane, Paris, Plon, 1966.

- Le Cheminement de l’idée européenne, Freiburg, Ed. Univers, 1977.

- Entretiens avec Pierre Pflimlin. Itinéraires d’un Européen, Jean-Louis English und Daniel Riot, Straßburg, La Nuée Bleue, 1989.

- Mémoires d’un Européen, de la IVe à la Ve République, Paris, Fayard, 1991.

 
 
 
 
 

Interview Pierre Pflimlin
Europarat Rede 1949-1999 / Europarat.- Straßburg: Europarat [Prod.], 1999. Europarat, Straßburg. - (05:43, Montage, Originalton).
Copyright © Europarat.

Rede von Pierre Pflimlin
Intervention Pflimlin - Europarat in Strasbourg / Pierre Pflimlin.- Straßburg: 24 September 1962. RTL, Paris. - (03:39, Montage, Originalton). RTL, Paris, 22, rue Bayard.

Rede von Pierre Pflimlin, Bürgermeister von Straßburg (Straßburg, 28 Januar 1977)
Einweihung des Europapalastes am 28. Januar 1977, Rede. Straßburg: Europarat, 1977, p. 7.Copyright © Europarat

Interview von Philippe Edel, Ehemaliger parlamentarischer Assistent von Pierre Pflimlin im Europäischen Parlament

 
 
 
 

Foto des Monats

Foto des Monats: Ein Foto vorschlagen

Europäische Agenda


    • 26 Juni 2017

      Internationaler Tag zur Unterstützung der Folteropfer

    • Der internationale Tag zur Unterstützung der Folteropfer ist ein Gedenktag, der am 26. Juni 2016 begangen wird. Im Jahr 1997 wurde er durch die Hauptversammlung der Vereinten Nationen (UN) beschlossen. Er wird auch Tag zur Unterstützung der Opfer der Folter genannt und erinnert an die UN-Antifolterkonvention. Diese trat am 26. Juni 1987 nach Ratifizierung durch 20 Mitgliedsstaaten in Kraft.