Louise Weiss



"Erinnerungen einer Europäerin"

 
Louise Weiss (1)
 
 
 
1893 : Geburt in Arras, am 26. Januar. Ihre Familie väterlicherseits ist elsässischer Abstammung (la Petite-Pierre)
1914 : Wird mit 21 Jahren die jüngste Dozentin für Altphilologie
1914 : Kriegskrankenschwester
1918 -1934 : Gründet und leitet die Europe Nouvelle, eine der französischen und internationalen politischen Wochenzeitungen
1930 : Gründet die Neue Schule des Friedens, eine freie Einrichtung gehobenerer Bildung, die es zum Ziel hat, die Handlungen des Völkerbundes zu unterstützen
1934-1937 : Gründet die Propagandabewegung die Neue Frau und setzt sich für das Wahlrecht der Frauen ein
1934 : Heiratet den Architekten José Imbert, von dem sie sich 1936 scheiden lässt
1939 : Wird zur Generalsekretärin des Komitees ernannt, dass mit der Aufnahme der deutschen und mitteleuropäischen Häftlinge betraut ist
1943-1944 : Arbeitet im Netz des Widerstandes des Patriam Récuperare mit
1946-1968 : Zahlreiche Reportagen in Amerika, Asien und Afrika
1965 : Gründet das Museum der Kanalschifffahrt in Conflans Sainte Honorine
1965-1970 : Wird Generalsekretärin des Institut Français der Konfliktforschung
1968 : Veröffentlicht den ersten Band der Memoiren einer Europäerin
1971 : Gründet die Stiftung Louise Weiss, die sich für die europäische Einheit und die Friedenswissenschaften einsetzt
1976 : bekommt die Würde des großen Offiziers der Ehrenlegion verliehen
1979 : zur Abgeordneten des Europaparlaments gewählt, wo sie Alterspräsidentin wird
1981 : spendet ihre historischen und ethnographischen Sammlungen der Stadt von Saverne
1983 : Stirbt in Paris im Alter von 90 Jahren. Macht die Stadt Saverne zu ihrem Alleinerben
 
 
 
Weiss Dankert VeilDrei Hauptengagements zeichnen das Leben von Louise Weiss aus: Europa, die Frauenbewegung und der Journalismus.

Schon 1915 beginnt sie eine Karriere als Journalistin bei der Zeitung Le Radical unter dem Pseudonym Louis Franc. Im Jahre 1919 wird sie Korrespondentin in Prag. Das erlaubt es ihr die neue politische Klasse der Tschechoslovakei, die aus der Unabhängigkeit entstand, kennen zu lernen. Sie geht auch in die Sovietunion wo sie die wichtigsten Politiker trifft.

Seit der Schaffung ihrer Zeitung Das neue Europe (1918) interessiert sie sich für das Wahlrecht der Frauen. Sie meint, dass die Anerkennung des Wahlrechts für die französischen Frauen einen neuen Krieg verhindern würde. 1934, nachdem sie die Leitung ihrer Zeitschrift verlassen hat, nimmt sie Kontakt mit den Verantwortlichen der Wahlbewegung auf um ein gemeinsames Programm zu erarbeiten. Sie schafft die neue Propagandabewegung „Die neue Frau“, die zahlreiche Demonstrationen organisiert. Louise Weiss lässt sich symbolisch für die Gemeindewahlen 1935 und Parlamentswahlen 1936 aufstellen. Im Jahre 1935 werden mehr als 16 000 Stimmen für sie abgegeben. Letztlich scheitert die Zustimmung zu einem Gesetz für das Frauenwahlrecht an der Feindseligkeit des Senats. Das Wahlrecht wird den Französinnen erst 1944 gegeben.

Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitet sie mit dem Soziologen Gaston Bouthoul zusammen, dem Gründer der Konfliktforschung, und erarbeitet auf ihren Reisen durch die ganze Welt die Wurzeln verschiedener Konflikte, die im Ost-West-Kontext und in den Kolonialkriegen weiterleben. Sie bringt mehrere veröffentlichte Reiseberichte in Form von Romanen, Dokumentationen oder Reiseführern (Sammlung der blauen Reisefürher) zurück. Im Jahre 1965 wird Louise Weiss Generalsekretärin des Institut Français der Konfliktforschung (von Gaston Bouthoul gegründet), was sie 1970 verlässt um 1971 in Straßurg das Institut der Friedensforschung zu gründen.

Um ihre elsässischen Wurzeln zu ehren, spendet sie vor ihrem Tod ihre Sammlungen dem Museum des Schlosses von Rohan in Saverne, das ihr einen Teil seiner Ausstellung gewidmet hat. Sie vererbt ebenso ihre Korrespondenz und ihre Manuskripte der Nationalbibliothek und ihre Bücher der nationalen Universitätsbibliothek Straßurg. Louise Weiss stirbt am 26. Mai 1983 im Alter von 90 Jahren. Auf ihrem Grab steht die Inschrift, die sie selbst verfasst hat :

„Hier ruht Louise, die Europäerin, Französin des 20. Jahrhunderts, eine proletarische Aristokratin, eine respektvolle Gottlose , die Frauen werden sagen, dass sie den Engel erschaffen wollte, die Männer werden protestieren, dass sie das Biest erschaffen habe“.

Seit 1999 trägt das Hauptgebäude des Europäischen Parlamentes ihren Namen
 
 
 
 
79-07 Weiss louiseNach dem zweiten Weltkrieg ist Louise Weiss, wie viele Jugendliche in ihrem Alter gezeichnet von den Tausenden Toten und dem Ausmaß der Zerstörung.
Durch ihre tschechischen und slovakischen Freunde mit den neuen geopolitischen Bedingungen in Europa bekanntgemacht, gründet sie 1918 im Alter von 25 Jahren eine internationale Politikzeitschrift, das Neue Europa, die sie zwischen 1920 und 1934 leitet. Ihre Artikel, die von den größten politischen und universitären Namen redigiert werden, handeln von wirtschaftlichen, diplomatischen und literarischen Fragen.

1924 lernt sie bei der Generalversammlung des Völkerbundes in Genf Aristide Briand kennen. In ihrer Zeitung unterstützt sie seine Politik des Friedens (deutsch-französische Annäherung und Entwaffnung) und verteidigt seine Ideen des europäischen Aufbaus (Memorandum zur föderalen europäischen Union und Projekt der europäischen Union). Sie nennt Briand den „Pilgervater des Friedens“.

Im Januar 1934 gibt sie in einem international für ihren Kampf für den Frieden nachteiligen Kontext (Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland) das Neue Europa auf. 1940 schließt sie sich der Résistance unter dem Namen Valentine an und nimmt an der Verfassung der geheimen Zeitschrift Nouvelle République teil. Nach 1945 zieht sie es in Betracht ihre Zeitung wieder zu veröffentlichen und unternimmt Reisen nach Amerika, Afrika und Asien.

1979, mit 86 Jahren, wird sie in den ersten allgemeinen europäischen Parlamentswahlen in der Liste der Gaullisten gewählt. In der Eröffnungsveranstaltung, die am 17. Juli 1979 stattfindet, hält sie in ihrer Funktion als Alterspräsidentin eine Rede in der sie an die vorhergehenden Europäer erinnert. Für die Zukunft sieht sie drei essentielle Probleme : die Identität, die Geburtenzahl und die Legalität. Sie schließt mit einem Apell an die Einheit, indem sie verkündet : „Europa wird sein Leuchten nur wieder finden, indem es die Scheinwerfer des Gewissens, des Lebens und des Rechtes strahlen lässt.“ Von 1979 bis 1983 (bei ihrem Tode 90 Jahre alt) ist sie Mitglied der Parlamentarischen Kommission für Kultur, Jugend und Sport. Sie stellt sich vor allem die Schaffung der europäischen Universität vor, den allgemeinen Austausch der Professoren und hat vor in Straßburg ein Museum der europäischen Idee zu gründen. So tragen viele der Verwirklichungen der Europäischen Union der letzten zehn Jahre ihre Spuren.



 
 
 
 
Über das Elsass und Straßburg :
„Das Elsass war vor 1914 ein Pilgerort für die Franzosen, die die deutsche Verwaltung aus ihrer geliebten Provinz gejagt hatte.“
„Mein Vater, welcher in Straßburg geboren war, gehörte drei Jahre lang zur Stadt. Er kehrte jedes Jahr ins Land seiner Vorfahren zurück und nahm uns meistens mit.“
„Die ganze Familie erklomm auf dem Fahrrad den Pass der Schlucht. Am Gipfel angekommen, machten wir am Rand Pause, während der Vater uns das Flachland zeigte, den Verlauf des Rheins, die Silhouette des Schwarzwaldes und sich vorstellte, dass er die Kathedrale aus rosafarbenem Sandstein, in deren Schatten er als Kind gespielt hatte, anders als mit den Augen des Geistes, wahrnehme.“
„Es ist Straßburg, wo der europäische Geist am offensten und reinsten ist.“


Über Europa :

Ganz konkret wirft sie die Frage der Identität auf: „nicht nur der Identität, die man als Gleichheit versteht, sonder der Identität, die man als tiefe Wahrnehmung über sich selbst versteht. Die unzureichende Teilnahme der europäischen Wählerschaft, die uns erschaffen hat, an der Beratung zeigt wie dringend es ist, dieses Problem zu lösen. Unmöglich sich ein Europa ohne Europäer vorzustellen. […] Die gemeinschaftlichen Institutionen haben europäische Beete, Butter, Käse, Wein, Kühe und Schweine gemacht. Sie haben keine europäischen Menschen gemacht.
Diese europäischen Menschen existierten im Mittelalter, in der Renaissance, im Zeitalter der Aufklärung und sogar im 19. Jahrhundert. Man muss sie wiedererschaffen.
Sogar die Jugend kümmert sich darum indem sie mit dem Rucksack reist und die Grenzen dabei ignoriert. Die Partnerstädte haben schon jetzt ein Netz von Männern und Frauen geschaffen, die allergisch auf die vergangenen Konflikte reagieren und die sich mit dem Schicksal ihres Kontinents verbunden wissen. Aber im allgemeinen folgen dem die Schulen nicht, abgesehen von außergewöhnlichen Umsetzungen, wie der Schule in Bruges […]. “
[Auszug aus der Rede, die von Louise Weiss in der Funktion der Alterspräsidentin anlässlich der Eröffnungssitzung des ersten direkt gewählten Europäischen Parlamentes am 17. Juli 1979 gehalten wurde. Der ganze Text der Rede von Louise Weiss wird von den Archiven des Europäischen Parlaments in Luxemburg aufbewahrt.].

„Europa wird sein Leuchten nur wieder finden, indem es die Scheinwerfer des Gewissens, des Lebens und des Rechtes strahlen lässt.“


Über die Frauen:


„Ich bedauere nur eine Sache : mich nicht als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen aufstellen gelassen zu haben“

„Eine braunhaarige Frau mit glutfarbenen Augen betrat einst unsere Boutique (der Sitz der Zeitschrift Die Neue Frau) und bat an uns zu helfen: Ich hoffe, dass meine Referenzen euch ausreichend sind, sagte sie. Ich habe meinen Mann getötet.“

„Ich bewundere euch, meine Frauen, die ihr nicht zufrieden damit seid, einen Mann bis in euer Bett angezogen zu haben, eine große Tat, die gut viele Frauen erfüllt hätte, ihr, ihr habt zwei angezogen, offiziell zwei, dank gebühre eurem Charme und ihr verfügt daher über zwei Stimmen, die eures verstorbenen Mannes und die eures Ehemannes.“ (Rede von Louise Weiss an die wiederverheirateten Kriegswitwen)
 
 
 
 
Politische Werke
- Die Republik Tschechoslowakei, 1919
- Milan Stefanik, Prag 1920

Biographische Werke

- Erinnerungen einer republikanischen Kindheit, Paris, 1937
- Was die Frau möchte, Paris, 1946
- Erinnerungen einer Europäerin, Paris 1968-1976

Romane
- Erlösung, Paris 1936
- Die Marseillaise, TI et II Paris ,1945; T. III Paris 1947
- Sabine Legrand, Paris 1951
- Letzte Genüsse, Paris, 1979

Theaterstücke

- Arthur oder die Freuden des Suizid
- Sigmaringen oder die Machthaber des Nichts
- Der Urkundenempfänger
- Die Wirtin

Soziologische Essays
- Brief an einen Embryo, Paris 1973

Kunst, Archäologie und Folklore
- Geschichten und Legenden Grossen Nordens, Paris, 1957

Reiseberichte
- Das Gold, der Wagen und das Kreuz , Paris,1949
- Die angenehme Reise, Paris, 1960
- Der Kaschmir, Die Alben der Blauen Reiseführer, Paris, 1955
 
 
 
 
Die Stiftung Louise Weiss
1971 gründete Louise Weiss die Stiftung Louise Weiss und einen Preis, der jährlich an die Autoren und Institutionen vergeben wird, die am meisten zum Fortschritt der Friedenswissenschaft, der Verbesserung der Geisteswissenschaften und zum Engagement für Europa beigetragen haben. Der Preis wird jedes Jahr vom Wissenschaftlichen Rat der Stiftung Louise Weiss verliehen. Unter den Trägern: Helmut Schmidt (1977), Anouar el Sadate (1980), Simone Veil (1981), Jacques Delors (1988), Vaclav Havel (1990) und Adrien Zeller (1998).

Ein Louise Weiss-Museum in Saverne
Im rechten Flügel des Rohan-Schlosses in Saverne befindet sich das Museum Louise Weiss, wo die Sammlungen untergebracht sind, die sie der Stadt vor ihrem Tod vermacht hat. Diese Sammlungen umfassen fast 600 Kunstobjekte, Bilder und ethnologische Gegenstände sowie ihre persönlichen Aufzeichnungen.

Eine Louise Weiss gewidmete Rose
1993 wurde sie anlässlich ihres hundertsten Geburtstages geehrt, indem Catherine Lalumièere, Generalsekretärin des Europarates, eine Rose im Rosengarten von Saverne nach ihr benannte. Alle diese gelbe Rose betreffenden Rechte liegen beim Rosengarten von Saverne.

 
© Fotos : Europäisches Parlament