Interview

Pascale Simon-Studer
Eurodistriktreferentin Landratsamt Ortenaukreis

Im Jahre 2003 zum 40. Jahrestag des „Elysée-Vertrags“ riefen die beiden Staatschefs Jacques Chirac und Gerhard Schröder zur Schaffung eines Eurodistrikts Straßburg-Kehl auf. Im Vordergrund stand die Schaffung einer Region, in der neue Formen für eine bessere Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten Frankreich und Deutschland erprobt werden sollten. Die Idee vom Eurodistrikt Straßburg-Ortenau war anfangs noch nicht sehr konkret, er entwickelte sich erst im Laufe der Jahre zu seiner jetzigen Form: 2004 fand als eine Form der engeren Zusammenarbeit das „Festival des deux Rives“, die grenzübergreifende Landesgartenschau in Kehl sowie die Realisierung der „Passerelle des deux Rives“ statt. Offiziell wurde der Eurodistrikt dann im Jahre 2005 mit einer Vereinbarung gegründet, in der die einfache Kooperation zwischen der Stadtgemeinschaft Straßburg (CUS) und dem Ortenaukreis festgelegt wurde. Diese Vereinbarung sah als Ziel eine Projektregion für den europäischen Integrationsprozess vor, in der die nachhaltige Entwicklung gefördert und in der sich der Alltag der Bürger durch die intensivere grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern sollte. Bis jetzt wurden verschiedene grenzübergreifende Projekte begonnen und weiterverfolgt wie zum Beispiel die Harmonisierung des Schienenverkehrs (TGV-ICE), die Förderung der Zweisprachigkeit, gemeinsame Veranstaltungen, intensivere Zusammenarbeit im Bereich der Öffentlichen Sicherheit und des Umweltschutzes u.v.m.
Auf der deutschen Seite des Eurodistriktes ist seit 2007 Frau Pascale Simon-Studer als Eurodistriktreferentin beim Landratsamt Ortenaukreis Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um das Thema Eurodistrikt. Am 20. August 2009 führte das CIIE mit ihr ein interessantes Gespräch über aktuelle Themen im Eurodistrikt…

Eurodistriktreferentin Pascale Simon-Studer, Offenburg 2009

Q: Wie hat sich seit 2008, mit dem Wechsel im Straßburger Rathaus, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Eurodistrikt Straßburg-Ortenau entwickelt?
R: Insgesamt wurde die Entwicklung des Eurodistrikts im Jahre 2008 stärker als bisher vorangetrieben. Es wurden die beiden Experten Dr. Vetter und Cottin mit der Analyse zum Entwicklungspotenzial des Eurodistrikts Straßburg-Ortenau beauftragt. Auf der französischen Seite gab es aufgrund der Wahlen einen Wechsel beim Stadtrat und beim Rat der Stadtgemeinschaft, durch den sich die politischen Vorstellungen für die konkrete Arbeit im Eurodistrikt änderten. Die beiden neuen Sprecher Roland Ries, Oberbürgermeister von Straßburg, und Dr. Wolfgang G. Müller, Bürgermeister von Lahr, riefen zu einer Klausurtagung im Herbst auf, bei der sie gemeinsam in der „Lahrer Erklärung“ die neue Orientierung des Eurodistrikts sowie die vier Hauptziele festlegten. Ebenso wurde die Gründung einer Rechtsform für den Eurodistrikt beschlossen.
Die Ziele der „Lahrer Erklärung“ dienen im Wesentlichen der Vereinfachung der Zusammenarbeit. Das oberste Ziel des Eurodistrikts ist, allen Bürgern im Eurodistrikt einen Nutzen zu bringen. In dieser Region sollen Lösungen entwickelt und bewertet werden, die den grenzüberschreitenden Alltag erleichtern. In diesem Zusammenhang wird oft von einem „europäischen Labor“ für die europäische Integration gesprochen, da der deutsch-französische Alltag immer noch mit administrativen Hürden erschwert wird. Diese müssen erst einmal erkannt werden, um sie zu umgehen oder um neue Wege finden zu können, wie zum Beispiel bei der gemeinsamen Nutzung von Rettungsdiensten oder bei der grenzübergreifenden Berufsausbildung. Ferner soll es durch eine engere Zusammenarbeit mit den europäischen Institutionen in Straßburg möglich werden, diese neuen Kooperationsformen bekannter zu machen. Das heißt, der Eurodistrikt hat, was die grenzübergreifende Zusammenarbeit angeht, eine wichtige Vorbildfunktion für andere Grenzräume in Europa und das wurde ebenfalls in der „Lahrer Erklärung“ festgeschrieben.
Q: Der Eurodistrikt wird eine neue Rechtsform erhalten. Es wird einen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit geben. Was ändert sich dadurch?
R: Der Eurodistrikt erhält als Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) neue Entscheidungs- und Handlungsstrukturen, durch die die Arbeit einfacher und effizienter wird. Es wird zum Beispiel nur noch eine gemeinsame Geschäftsstelle in Kehl geben. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für den Eurodistrikt sitzen dann sozusagen alle unter einem Dach und können ihre Arbeitsweise noch effektiver gestalten. Der Sitz des Eurodistrikts wird Straßburg sein. Statt zwei Sprechern wird es nur noch einen Präsidenten und einen Vizepräsidenten geben. Der EVTZ wird politisch mehr Gewicht haben und mit einem eigenen Budget ausgestattet sein. Wir können dann weitere Mitarbeiter einstellen und die Projekte im Eurodistrikt schneller als bisher umsetzen. Ein weiteres Ziel gilt der Entscheidungsfindung im Entscheidungsgremium des Eurodistrikts Straßburg-Ortenau, dem Eurodistriktrat. Es soll einfacher werden, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Deshalb werden in Zukunft Entscheidungen nicht mehr einstimmig getroffen, sondern mit einfacher Mehrheit. Gerade liegen die Genehmigungsanträge zur Gründung des EVTZ den jeweiligen nationalen Stellen vor und werden bearbeitet. Ende 2009 rechen wir damit, dass die konstituierende Sitzung des Europäischen Verbundes für territoriale Zusammenarbeit „Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau“ stattfinden kann.
Q: Gibt es Probleme bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aufgrund der Vergangenheit oder aufgrund kultureller Unterschiede?
R: Ich denke, dass es aufgrund kultureller oder soziologischer Unterschiede keine wesentlichen Probleme gibt. Natürlich haben wir unterschiedliche Verwaltungsstrukturen und interkulturelles Gespür bei der täglichen Arbeit ist wichtig. Ebenso dürfte die Vergangenheit keine Probleme mehr bereiten, da die älteren Generationen das friedliche Miteinander von Franzosen und Deutschen in den letzten 60 Jahren als beispielhaft und sehr positiv bewerten. Die jüngere Generation dürfte aufgrund der positiven jüngeren Vergangenheit überhaupt keine Probleme haben. Zu den kulturellen Eigenheiten oder den Stereotypen kann ich nur sagen, dass, wenn man sie kennt, sie zum Wohle von allen genutzt werden können und die Zusammenarbeit erleichtern. Nehmen wir zum Beispiel das Vorurteil „die Franzosen seien eher visionär und auf Prestige bedacht“ und „die Deutschen seien eher zurückhaltend und an pragmatischen Lösungen interessiert“. Bei der gemeinsamen Erarbeitung von Zielen und Maßnahmen ergänzen sich diese beiden Vorgehensweisen perfekt.
Q: Ist die Zweisprachigkeit im Eurodistrikt für die jüngere Generation mittlerweile selbstverständlich oder gibt es immer noch Bedenken gegen Französisch als Fremdsprache?
R: Das Erlernen und das Sprechen der französischen und deutschen Sprache werden im Eurodistrikt immer selbstverständlicher. Ich weiß aber, dass viele Eltern bei Französisch als Fremdsprache Bedenken haben, da es zunächst anspruchsvoller ist als Englisch und sie Englisch dem Französischen vorziehen. Als ehemalige Sprachwissenschaftlerin kann ich nur sagen, dass das Erlernen der französischen Sprache zu Beginn zwar schwieriger ist als das Englische. Hinterher hat man jedoch viele Vorteile. Wenn man erst einmal Sprech- und Hörverständnis im Französischen entwickelt hat, ist es nicht mehr schwierig die Sprache weiter zu verbessern im Gegensatz zur englischen Sprache, bei der deutliche Fortschritte ab einem bestimmten Niveau schwer zu erreichen sind. Zudem ist Französisch sehr hilfreich für das Erlernen von anderen romanischen Sprachen (Portugiesisch, Spanisch, Italienisch oder Rumänisch). Im Deutschen werden einem viele Fremdwörter verständlicher und auch im Englischen lassen sich fast 70% der Vokabeln erschließen.
Aufgrund der positiven Erfahrungen mit Französisch als erster Fremdsprache wird seit 2003 in Baden-Württemberg an der Rheinschiene flächendeckend ab der ersten Klasse mit Französisch begonnen. An den weiterführenden Schulen haben die Schüler die Möglichkeit Französisch neben der Pflichtfremdsprache Englisch weiterzulernen. Gleichfalls wird auf der französischen Seite im gesamten Elsass laut Konvention 2007 das Erlernen der deutschen Sprache in der Schule gestärkt. Diese Entwicklung ist natürlich sehr positiv, da nur so die Sprachbarrieren allmählich abgebaut werden können. Wir bieten im Eurodistrikt zusätzlich Motivation und Anreize, die jeweils andere Sprache zu lernen, in dem wir Schulpartnerschaften auf unserer Homepage vermitteln und Klassenfahrten zur Partnerschule finanziell unterstützen. Das Interesse an diesen Möglichkeiten ist auf beiden Seiten groß, was uns freut und uns in unserer Arbeit bestätigt. Innerhalb der Verwaltung sind bereits seit Jahren beide Sprachen Grundvoraussetzung. Dennoch werden bei wichtigen Diskussionen und in den Gremien Dolmetscher eingesetzt, da es natürlich einfacher ist, einen Meinungsaustausch in der Muttersprache zu verfolgen.
Q: Was sind die positiven Aspekte bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Eurodistrikt und wie ist das Interesse der Bürger/innen am Eurodistrikt?
R: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Eurodistrikt hat sich meiner Meinung nach sehr positiv entwickelt, da sie viel einfacher geworden ist. Zum einen liegt das an der langjährigen Erfahrung und dem damit gewachsenen Vertrauen und der Offenheit. Zum anderen ist der politische Wille zur Zusammenarbeit stärker geworden. Die Verwaltungen arbeiten jetzt enger zusammen, wichtige strukturelle Entscheidungen sollen für das Gesamtgebiet getroffen werden und dies kommt den Menschen in der Region zugute. Ebenfalls wird sich die grenzübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des EVTZ verbessern, und wir möchten bei der weiteren Planung stärker als bisher die Bürger einbeziehen. Dazu planen wir unsere Internetplattform zu erweitern. Seit diesem Jahr haben wir eine neue Internetplattform, www.eurodistrict.eu, auf der alle wichtigen Themen, alle aktuellen Veranstaltungen und Ereignisse veröffentlicht werden. Ende 2009, mit In-Kraft-Treten des EVTZ, werden wir zusätzlich einen Onlinedialog einrichten. Dabei orientieren wir uns an der Idee der Bürgerhaushalte, die in mehreren Städten durchgeführt wurden. Ebenso möchten wir Umfragen, Diskussionsforen und Votings per Internet durchführen, um die Wünsche und Meinungen der Bürger herauszufinden.
Grundsätzlich ist das Interesse der Bürger am Eurodistrikt gewachsen: Zum Beispiel ist die Nachfrage und die Teilnahme an den gemeinsamen Veranstaltungen wie der KM-Solidarité oder der Eurodistrikt-Fahrradtag stetig gestiegen. Das wird wohl künftig auch so bleiben und kann mit dem EVTZ eigentlich nur noch besser werden...

Zur Person:
Frau Pascale Simon-Studer ist gebürtige Französin, die in Frankreich und Deutschland studiert hat und seit ca. 20 Jahren in Deutschland arbeitet und lebt. In dieser Zeit sammelte sie viele Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die sie seit 2007 als Eurodistriktreferentin beim Landratsamt Ortenaukreis -seit Einführung dieser Stelle- nutzt und umsetzt.