Interview

Georg NACHTSHEIM
Chef des Stabes im HQ Eurokorps

Anlässlich des Gipfels in La Rochelle am 22. Mai 1992 beschlossen Präsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl offiziell die Aufstellung des Eurokorps in Straßburg. Bereits am 1. Juli, nur wenige Wochen später, wurde ein Aufstellungsstab eingerichtet, dessen Ziel die Aufstellung des Eurokorps war.

Heute setzt sich der Stab des Eurokorps aus den fünf Rahmennationen (Deutschland, Belgien, Spanien, Frankreich, Luxemburg) und mehreren personalstellenden Nationen (Österreich, Griechenland, Polen und die Türkei) zusammen.

Bereits in Verhandlungen eingetreten, wird Polen in einigen Monaten seine Beteiligung bedeutend erhöhen um die sechste Rahmennation zu werden. Gleichzeitig werden Vertreter Italiens, Rumäniens und der Vereinigten Staaten zum Eurokorps hinzukommen.

Der Stab des Eurokorps verfügt über eine multinationale Führungsunterstützungsbrigade, dabei ein Stabs- und Versorgungsbataillon, die auch in Straßburg stationiert sind. Die 1989 aufgestellte Deutsch-Französische Brigade ist dem Eurokorps ebenfalls schon im Frieden unterstellt.

Das Eurokorps ist in der Lage einen Einsatzverband von bis zu 60 000 Mann zu führen und kann im Rahmen der UNO, der OSZE, der NATO aber auch der Europäischen Union eingesetzt werden. So wurde das Eurokorps schon in Bosnien (1998), im Kosovo (2000), und in Afghanistan (2004) eingesetzt.

Das Eurokorps ist zertifiziert als „High Readiness Forces Headquarters (Land)“ und als „Hauptquartier eines Krisenreaktionskorps“ der NATO.
Am 5.Juni dieses Jahres schlug das Europaparlament vor, das Eurokorps als ständigen Einsatzverband der Europäischen Union zu unterstellen, was nach Aufassung des kommandierenden General des Eurokorps bedeutet, dass das Eurokorps die Speerspitze der europäischen Verteidigung werden kann.

Q: Das EUROCORPS feiert dieses Jahr sein 15 jähriges Bestehen. Welche Bilanz ziehen Sie nach diesen Jahren ?
R: Das EUROCORPS ist eine Erfolgsstory, keine Frage! Was als deutsch-französische Initiative für ein Armeekorps zur konventionellen Verteidigung Westeuropas begann, ist mittlerweile ein multinationaler Verband geworden, der für alle Aufgaben zur Bewältigung heutiger Konfliktszenarien einsetzbar ist und der sowohl der NATO als auch der Europäischen Union zur Verfügung steht. Fünf europäische Staaten bilden den Kern dieses Verbandes, bald wird mit Polen ein Land des ehemaligen Ostblocks zu uns stoßen. Weitere europäische Länder sind mit ihren Streitkräften bei uns vertreten und arbeiten völlig problemlos in unserem Stab an allen Aufgaben mit, sei es im Alltagsbetrieb oder in Übungen und Einsätzen. Heute sind wir schon zehn Nationen, bald werden wir mehr sein, allein das ist Beleg dafür, dass wir erfolgreich sind und darauf können wir stolz sein.
Q: Wie ist das Hauptquartier in Strassburg organisiert ?
R: Zunächst einmal unterscheiden wir uns in der Gliederung und Aufgabenverteilung nicht von ähnlichen militärischen Stäben: Wir haben einen Kommandeur, einen Stellvertreter, es gibt Abteilungen für Personal, für Ausbildung und Übungsvorbereitung sowie Einsatzplanung, für die Versorgung und Logistik u.s.w. Es gibt aber Elemente, die uns zu etwas Besonderem machen: Alle zwei Jahre wechseln wichtige Aufgaben von einer Nation zu einer anderen, z.B. der Kommandeur, sein Stellvertreter, der Chef des Stabes und einige andere Funktionen. So wird erreicht, dass sich alle Nationen mit dem EUROCORPS identifizieren können, ihren eigenen Beitrag und ihre Bedeutung sehen und sich in wichtigen Positionen einbringen können. Da sind wir alle gleich! Die meisten Dienstposten und Aufgaben im Stab sind jedoch nach einem gemeinsam fest vereinbarten Schlüssel jeweil einer Nation zugeordnet. Das garantiert Kontinuität und hohe Professionalität. Da gibt es Synergien. Fazit: Unsere Besonderheit ist die täglich gelebte Multinationalität und Synergie. Insofern kann man sagen, dass wir durchaus Modellcharakter für zukünftige europäische Streitkräfte haben.
Q: Welche Funktion üben speziell Sie aus ?
R: Ich bin der Chef des Stabes unseres Hauptquartiers und seinen z.Z. über 1000 Soldaten und Mitarbeiter. Das heißt, ich bin dem Kommandeur gegenüber dafür verantwortlich, dass der Stab seine Aufgaben leisten kann und die Vorgaben des Kommandeurs erfüllt. Ich gebe Aufträge, koordiniere und überwache die Arbeit des Stabes, dabe unterstützen mich in der derzeitigen Struktur je ein belgischer und spanischer General, künftig auch ein polnischer General. In einem Einsatz muss dieser Stab dann bis zu 60 000 Soldaten führen können. Hierzu müssen wir uns ständig vorbereiten. Vielleicht kann man meine Funktion mit der eines Geschäftsführers in einem Betrieb vergleichen, der seinem Inhaber gegenüber für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich ist.
Q: Können Sie uns etwas zu den aktuellen Beziehungen zwischen der EU und dem EUROKORPS sagen ?
R: Hier ist in den letzten Monaten viel erreicht worden und unsere Erfolgsstory setzt sich fort! So hat das Europäische Parlament z.B. im Sommer dafür votiert, dass unser Stab der Europäischen Union als verfügbares militärisches Hauptquartier benannt wird. Damit könnten wir der Kern einer zukünftigen europäischen Armee sein, gleichzeitig sind wir aber auch eine Schnittstelle zur NATO. Wir sind das Hauptquartier, welches unsere Nationen und Europa -und eben nicht einer einzelnen Nation- der NATO zur Verfügung stellen könnten. Wir bleiben gleichzeitig unverändert der NATO-Verband, der für Aufträge zur Sicherung des Friedens oder zur Abwehr humanitärer Katastrophen eingesetzt werden kann. Wir sind in beide Richtungen kompatibel!
Nachdem unsere Erfolgsstory als schnell verfügbares Hauptquartier und im Einsatz bislang immer im Rahmen der NATO geschrieben wurde, haben wir in diesem Jahr begonnen, unsere Übungs-und Ausbildungstätigkeit sowie unsere Kompetenzen und Szenare um die Besonderheiten der EU zu erweitern. In 2010 werden wir dann wieder im Stand-by der NATO mit der schnellen Eingreiftruppe der NATO stehen.
Q: Was werden die nächsten Missionen des EUROCORPS sein ?
R: Das weiß ich nicht. Wir bekommen unsere Aufträge von den Politikern zugewiesen, so wie es in den entsprechenden Gremien verhandelt und national durch die Parlamente entschieden wird. Wir sind materiell und personell gut aufgestellt, haben Erfahrung aus drei Einsätzen auf dem Balkan und Afghanistan, wir sind als Hauptquartier für Krisenreaktionskräfte und die NATO Response Force (NRF) zertifiziert und spielen damit zusammen mit insgesamt nur sechs weiteren vergleichbaren Hauptquartieren in der NATO sozusagen in der Champions League. Und keines der anderen HQs ist so multinational, so integriert und so erkennbar europäisch wie wir. Wir sind nichts Besseres, aber was Besonderes!
Aktuell sind keine Einsätze für uns geplant, im nächsten Jahr werden wir jedoch wie gesagt damit beginnen, uns für die nächste Bereitschaftsphase als NRF, d.h. einem teilstreitkraftübergreifenden ca. 15-20 000 Soldaten umfassenden Kräftepaket, vorzubereiten. Dann stehen wir wieder für das gesamte Spektrum militärischer Aufgaben zur Krisenbewältigung und zum Konfliktmanagement der NATO zur Verfügung.